Knallzarte Zeiten.

Hallo ihr Lieben.

Ich habe für diesen Blog-Beitrag ein bisschen mit mir gerungen. Mein Medizinstudium hat eigentlich mit dem Blog nicht mehr so viel zu tun. Aber da ich vor Kurzem gefragt wurde, ob ich nicht Lust hätte, etwas über meine Erfahrungen mit dem Studium zu schreiben, habe ich mir nochmal Gedanken darüber gemacht. Eigentlich ist es nämlich schon ein Teil von Pearodie, wenn nicht sogar mit ein Grund für Pearodie (wer da jetzt ganz interessiert auf wirklich verwirrende Artikel ist, der kann sich gerne mal in ganz alte Posts scrollen). Also erzähle ich euch mal ein bisschen über meine ersten Studienjahre inklusive Bildern aus dieser Zeit.

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Es war einmal…

2011 und Ich. Gerade hatte ich das Abi hinter mich gebracht und war noch nicht so sicher wo es mich hintreiben soll. Dass ich Naturwissenschaften mochte und auch Spaß daran hatte, etwas mit Menschen zu machen war mir klar. Daher meine etwas ungewöhnliche LK-Wahl in der Oberstufe. Ich dachte, wenn ich mich schon im Studium in die Naturwissenschaft stürze, dann will ich die Möglichkeit davor nutzen und andere Dinge kennen lernen – also ab in den Deutsch- und Kunst-Leistungskurs. Aber ich schweife aus. Abi war geschrieben und mein Schnitt war gerade so gut, dass ich nicht nur über ein Biologie-Studium nachdenken konnte, sondern auch Medizin in Erwägung zog. Bewerbungen gingen dann für alles beide und noch dazu Psychologie (Gott sei Dank habe ich mich nicht dafür entschieden, dass hätte ich vermutlich abgebrochen) raus. Die Zusagen kamen für eine Stadt in Österreich und für Magdeburg. Kurz Mietpreise, Lebenshaltungskosten, Fahrtzeiten und Ähnliches verglichen und es war klar: Ab an die Elbe.

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Aller Anfang ist Schwer

Die ersten Wochen waren der Horror. Neue Stadt, neue Leute, niemanden von den guten, alten Freunden in greifbarer Nähe und alle, denen ich erst mal begegnete wirkten so unfassbar selbstbewusst. Als ob ihnen dieses ganze Chaos, das über mich zu diesem Zeitpunkt hereinbrach nichts ausmachte und für sie nichts weiter, als eine laue Brise war. Ich hatte dagegen das Gefühl, mich mitten im schlimmsten Unwetter aller Zeiten zu befinden und währenddessen auch noch einen Meilen hohen Berg erklimmen zu müssen.

Ich wurde Gott sei Dank von meiner Familie und neuen Freunden (die findet man dann doch, es geht ja allen gleich und man muss zusammen eine wirklich harte Zeit durchstehen. Das schweißt wirklich zusammen!)  gut aufgefangen. Nach ein paar Wochen hat es dann ‚Klick‘ gemacht und es war auf einmal alles okay. Das Unwetter war vorbei und vor mir war nur noch der Meilen hohe Berg namens Medizinstudium.

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Dazu hab ich immer meinen Papa im Ohr: Ein Schritt nach dem Anderen. Einen Berg erklimmt man auch nicht in einer Minute. Der Vergleich ist irgendwie bei mir hängen geblieben und beschreibt das Studium wirklich gut. Es dauert, es ist anstrengend, man wird zwischendrin aber mit einer grandiosen Aussicht belohnt und manche Anstiege sind schwieriger als andere. Und der schlimmste Anstieg ist die Vorklinik. Aber irgendwann hat man es dann eben auch geschafft. Jetzt im 5.Studienjahr ist die Spitze nämlich gar nicht mehr weit einfernt und die Aussicht schon ziemlich top. Der Aufstieg hat sich bisher trotz der Strapazen gelohnt.

Ich glaube, dass ihr wenn ihr gerade mit dem Medizinstudium angefangen habt keine Tipps braucht, wie ihr am Besten lernt. Dafür gibt es schon massenweise (vermutlich sogar wissenschaftlich belegte) Artikel. Aber was ich euch an Tipps geben kann und möchte folgt jetzt:

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Ausgleich

Sucht euch einen Ausgleich! Das Studium nimmt gerade in den ersten beiden Jahren unfassbar viel Zeit und Energie in Anspruch. Wenn man da nicht irgendwas hat, dass einen abschalten lässt, ich wüsste nicht, wie man das übersteht. Sei es Sport, Kochen, etwas mit Freunden unternehmen, Feiern, Spazieren gehen, Glaube,  Lesen, Theater spielen, sich sozial engagieren, Nicht-Mediziner kennen lernen (das erweitert die Gesprächsthemen manchmal ungemein) … . Bei mir war es unter anderem das Backen. Da wusste ich: das kann ich, das klappt und am Ende kommt noch was Leckeres dabei raus. Ein wirklich schönes Gefühl bei einem Studium, dass einem ständig das Gefühl gibt, nichts, aber auch wirklich nichts vollkommen erfasst und gelernt zu haben. Es geht nämlich immer noch genauer und noch ausführlicher.

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Nicht Stressen lassen

Lasst euch nicht stressen. Vor allem, und das ist wirklich wichtig, nicht von euren Kommilitonen (Das ist kein Vorwurf, das macht vermutlich niemand absichtlich, sondern ist eher eine Kopfsache). Wie oft ist mir die Kinnlade sprichwörtlich auf den Boden gefallen, weil einige ganze Tabellen aus dem Anatomie-Atlas auswendig zitieren konnten und ich noch Probleme hatte überhaupt die Wörter auszusprechen, ohne dabei über meine eigene Zunge zu stolpern. Man muss dann wirklich versuchen, sich davon nicht beeinflussen zu lassen und sich nicht unnötig selbst Druck zu machen (ja, ich weiß, dass ist einfach gesagt als getan.). Man macht seine Sache nämlich trotzdem gut, nimmt das aber eben nicht so wahr. Vielleicht kann man keine Tabelle auswendig aufsagen, dafür hat man aber einen Zusammenhang gut verstanden oder kann sich gut orientieren, oder oder oder. Jeder hat eben unterschiedliche Stärken.wpid-IMG_20121101_135746.jpg

Medizin ist nicht das A und O

Finde ich zumindest. Klar, in den ersten beiden Studienjahren verbringt man wirklich viel Zeit mit Lernen und Seminaren, aber das sollte euch nicht davon abzuhalten Student zu sein und verrückte Sachen zu machen. Auf Hausdächern den Sonnenaufgang beobachten. Auf WG-Partys die Bude zum wackeln bringen. Den Butterkäse weg zu zaubern. Den ganzen Tag zu schlafen, weil man die Vorlesungen eben ausfallen lässt. Dinge zu bereuen oder eben auch nicht. Einfach mal nach Berlin fahren und die Nacht durch machen und das obwohl es eiskalt ist. Sich im Park die Nase von der Sonne kitzeln lassen. Beim Rugby umgerannt werden, weil man es noch nie gespielt hat. Dinge verlieren, vergessen und wiederfinden. Gehirn-Cupcakes backen, weil man eben Lust dazu hat. Auf dem Balkon frühstücken. Mützen nicht absetzten. Alleine mit Freunden im Kinosaal sitzen, weil den Film anscheinend niemand sonst so wertschätzt. Das Kiste-Quiz immer nur fast gewinnen. Biochemie links liegen lassen, wenn die Stadt überflutet wird und man bis tief in die Nacht Sand schippen kann. Umziehen. Sehr viel Kaffee trinken. Den weinenden Jungen auf dem Nachtflohmarkt finden. Knallzart sein. Bei Fußballspielen mitfiebern. Einfach mal ans andere Ende der Stadt fahren. Am See entspannen. Gemeinsam verzweifeln. Auf Stühlen stehen. Das Erdbeerfeld mit Magenschmerzen und einer großen Schüssel voll Früchte verlassen. In der Bibliothek einschlafen. Kleine Monster häckeln. Sich über Kleinigkeiten freuen. Mit Batik-Kleid ins Meer springen, egal welche Temperatur es hat. Auf den Rummel gehen und die Taschen für Freunde halten. Alle drei Teile Herr der Ringe mit viel Sekt, Müsli und TK-Pizza hintereinander schauen. Im Bett mit Freunden Musik hören und warten. Auf dem Wohnheimfußboden Zimtsterne backen. Das Semesterende mit einem Steak feiern. 80:20. Teil vom Health-Team sein. Nach Holland fahren und eine Band gründen. Die Pinata als Team besiegen. Und so vieles mehr! Lasst euch das nicht vom Studium nehmen.

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Und das letzte ist meiner Meinung nach wirklich wichtig. Ohne all diese verrückten, manchmal traurigen aber sehr oft wunderschönen Momente hätte ich die ersten beiden Jahre nicht überstanden. Dass das Studium hart und anstrengend ist und einen auch mal an die Grenzen des eigenen Verstandes bringt kann man nicht ändern. Wie man damit umgeht und versucht damit klar zu kommen aber irgendwie schon. Mir hat es geholfen, das Studium nicht alleine an erste Stelle zu stellen, sondern gleich wert mit all den wundervollen Menschen und Dingen die das Leben eben so für mich bereit gehalten hat. Und irgendwie hat das ganz gut geklappt.

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Schritt für Schritt. 🙂 und damit einen schönen dritten Advent euch!

Liebst, Antonia.

 

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8 Gedanken zu “Knallzarte Zeiten.

  1. Antonia schreibt:

    Danke Danke Danke für diesen Post! Ich stehe gerade vor der Entscheidung ob ich mir das Studium zutraue und wie viel es mir wert ist. Ist es mir so viel Wert dass ich noch ein halbes Jahr warte und dann doch unglücklich bin damit? Den Anfang zu finden finde ich ganz schön kompliziert, aber das Motto „Schritt für Schritt“ gefällt mir. Weißt du schon ungefähr was du mit dem Studium machen willst?
    Liebe Grüße
    Antonia 😉

    • pearodie schreibt:

      So ganz genau noch nicht, aber ich hab ein paar Fachrichtungen in der engeren Auswahl. Der Anfang ist wirklich nicht so einfach und in anderen Studiengängen sicher oft einfacher. Mir hat auch geholfen, mir bei Abbruch-Gedanken zu überlegen, was ich denn statt dessen wirklich gerne und überzeugt machen wollen würde…Und mir ist nie was besseres als Medizin eingefallen, also bin ich dabei geblieben. Das wird schon, du schaffst das bestimmt. Und Wege führen eben auch nicht immer geradeaus. 😉

  2. Nicole schreibt:

    Liebe Antonia,

    aus eigener Erfahrung kenne ich das (zum Glück) nicht, da mein Studium (bis auf Kleinigkeiten) sehr angenehm war, ich aber auch sehr schnell studiert habe, da ich sehr früh das Angebot bekam, zu promovieren.
    Aber das, was Du schreibst, kenne ich von meinen Studenten. Und ich sage ihnen immer das, was Du auch schreibst: Das Studium ist nicht alles, es muss (!) bei all dem Lernen auch gelebt werden. Daher rate ich ihnen immer zu einem Ausgleich (ja, auch zum Feiern! ;-).
    Aber ich sehe auch uns Dozenten in der Pflicht, Studierenden das Studium nicht „unnötig“ schwer zu machen, sondern darauf zu achten, dass Studierende auch Spaß an der Sache haben. Zumindest ist das meine Philosophie.

    Und ansonsten gilt genau das, was Du schreibst: Schritt für Schritt.

    Liebe Grüße
    Nicole

    • pearodie schreibt:

      Klingt, wie wenn du eine wirklich tolle Dozentin bist! (davon braucht es manchmal wirklich mehr!) und schön, dass du es ähnlich siehst. Man will sich ja am Ende nicht an all den Stress erinnern (klar, der gehört manchmal Ebene einfach dazu) sondern vor allem an Erlebnisse, an Zeit, die man mit tollen Menschen verbracht und erlebt hat oder einfach gemütliche Abende mit guten Gesprächen und einem Glas Wein. Liebe grüße, Antonia

  3. Elli schreibt:

    Liebe Antonia,

    danke für diesen tollen und auch ehrlichen Eintrag. Ich wollte eigentlich den Sonntag damit verbringen für meine baldigen Prüfungen im Studium zu lernen, aber ich habe dann doch die Entscheidung getroffen Kaffee zu trinken, das Leben zu genießen und einen deiner tollen Sterne zu basteln 🙂
    Mach weiter so!

  4. Rea schreibt:

    Ich habe mittlerweile mein Politik-Studium abgeschlossen und stehe seit zwei Jahren im Berufsleben. Im Nachhinein kann ich nur unterstreichen, dass man sich von dem Druck (Regelstudienzeiten, Notenperfektionismus) befreien sollte. Rückblickend ist das Hörsaal-Studium ein winziger Fleck in deiner Biographie, während du noch Jahre ausführlich über so etwas wie Holland und der Band erzählen kannst. 😉

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